Unterwegs

Als die ersten Sonnenstrahlen den Fluss Sarno berührten erwachte das Leben in der Stadt und von den unzähligen kleinen Baustellen, die seit dem Erdbeben vor 17 Jahren allgegenwärtig waren, schallte der Lärm durch die Gassen. Es war ein schöner Sommertag, der 24. August 79 n. Chr. und er versprach wieder heiß zu werden, wie die Tage zuvor. Die Geschäfte in der Via Dell‘Abbbondanza öffneten gerade und es roch nach frisch gebackenem Brot. Die Leute hatten sich schon daran gewöhnt Umwege zu laufen, weil immer wieder eine neu Baustelle den direkten Weg versperrte.


In der Casa della Nava Europa an der Vicolo Dei Fuggiaschi hörte man das Geschrei von spielenden Kindern und im Teatro Piccolo Odeion an der Via Stabiana machten sich die Schauspieler bereit für die letzte Probe des Stücks, das am Sonntag uraufgeführt werden soll. 


Seit Anfang August bebte die Erde wieder öfter, doch keiner ahnte was an diesem Tag, in Pompeji noch geschehen sollte. Gegen 13:00 Uhr hatten sich die Magmakammern unter dem Vesuv gefüllt und Magma stieg in die Grundwasserbereiche des Vulkankegels. Die Berührung mit dem Wasser löste eine Wasserdampfexplosion aus, die den verstopften Schlot des Vesuvs frei sprengte. Eine 30km hohe Asche-Gaswolke stieg auf, in der sich heftige Gewitter entluden. Es hagelt Bims und Asche auf die Erde danieder. Sogenannte pyroklastische Ströme, das sind Glutaschewolken, rasen mit hoher Geschwindigkeit die Hänge des Vesuvs hinunter. Mit einer Temperatur von 500°C und einer Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometer lassen sie den noch verbliebenen Menschen in Pompeji keine Chance. 2000 Menschen starben an diesem Tag. 


Am Abend des 25. August war dann alles vorüber. 15 km um den Vesuv wurde alles verwüstet, Pompeji lag unter einer meterdicken Asche- und Bimssteinschicht und geriet in Vergessenheit. 1594 wurde Pompeji dann wieder entdeckt, aber erst 1748, unter Karl von Bourbon, wurde mit den Ausgrabungen, die bis heute andauern begonnen.


Wir wollten uns diese geschichtsträchtige Stadt nicht entgehen lassen und mieteten uns für das Wochenende ein Auto. Von Fiumicino fuhren wir die Küste entlang, Richtung Neapel. Wer mit dem italienischen Fahrstil im Allgemeinen Probleme hat, sollte nicht mit dem Auto nach Neapel fahren. Gibt es in Italien, wenn auch für uns Resteuropäer, nicht immer ganz klar verständliche Regeln, sind in Neapel alle Regeln außer Kraft gesetzt. Man kann noch nicht einmal behaupten, dass auf einer Straße die nur drei Reihen verträgt, sich fünf Reihen gebildet haben, nein in Neapel gibt es keine Reihen. Man fährt wo es Platz hat. Wenn man in Neapel an einer roten Ampel anhält, provoziert man einen Auffahrunfall. Kein Neapolitaner hält an einer roten Ampel. Und wenn jemand behauptet in der Stadt benötigt man keinen SUV, war der noch nie in Neapel. Wie wir hier ohne Schramme durchgekommen sind, ist mir heute noch ein Rätsel, aber wir waren Vollkasko versichert und das entspannt dann doch ganz erheblich, wenn zwischen Außenspiegel und Außenspiegel nur noch ein Blatt Papier durchpasst.


 Wir erreichten Pompeji am späten Nachmittag und machten uns erst einmal auf die Suche nach einem Hotel. Da wir uns außerhalb der Saison bewegen ist dies, bei dem zahlreichen Angebot an Unterkünften, auch kein Problem gewesen. In einem schönen Hotel mit einem durchaus vorzeigbarem Frühstück bekamen wir ein Doppelzimmer für 65€ die Nacht. Der Eingang der historischen Stadt lag 15 Gehminuten von unserem Hotel entfernt. Ins Zentrum hatten wir 10 Gehminuten, so dass wir das Auto auf dem Hotelparkplatz stehen lassen konnten. Wir schlenderten durch die Stadt, setzten uns in eine Bar und überbrückten dort die Zeit bis zum Abendessen. Vor halb acht bekommt man hier nichts zu essen, ab acht füllt es sich schlagartig und ab halb neun muss man warten bis die ersten wieder den Tisch verlassen haben. Wir haben uns immer noch nicht an das für uns sehr späte Essen gewöhnt und sind deshalb meistens unter den ersten Gästen.



Am nächsten Tag war dann Pompeji angesagt. Mir ging es sauschlecht. Irgendetwas hatte ich am Abend zuvor nicht vertragen und habe über Nacht mehrmals die Kloschüssel umarmt. Am Morgen wollte ich sterben und Gaby ging allein zum Frühstück. Die Stadt wollte ich mir denoch nicht entgehen lassen und so rappelte ich mich auf. Der Tag begann zäh, wurde aber von Stunde zu Stunde besser. 


Wir besichtigten öffentliche und private Gebäude, Plätze und Tempel, ja sogar das Freudenhaus - Das war das erste mal, dass ich mit Gaby zusammen im Puff war. Von den Fresken, den Säulen, den Artefakten und deren Erhalt, kann man einfach nur begeistert sein. Sicherlich hat jeder schon von Pompeji gehört oder etwas gelesen, aber einmal dort gewesen zu sein ist noch einmal etwas ganz anderes. Man spürt wie lebendig die Stadt einmal gewesen ist. Wir hielten uns den ganzen Tag zwischen den historischen Gemäuern auf und waren am frühen Abend ziemlich erledigt. 


Obwohl es mir wieder deutlich besser ging spürte ich die Strapazen vom Tag. In der Nähe des Hotels fanden wir ein Restaurant in das sicherlich nur selten Touristen den Weg finden. Um so interessanter wurde der Abend. Wir kamen uns erst ein wenig verlassen vor, waren wir doch die einzigen Gäste, das änderte sich aber um acht Uhr schlagartig und der Gastraum füllte sich bis auf den letzten Mann bzw. Frau. Wir waren die einzigen ausländischen Gäste. Im Hintergrund fing plötzlich ein Klavierspieler zu spielen an und wir genossen das hervorragende Abendessen. Relativ früh gingen wir ins Bett und am nächsten Morgen konnte ich mich selbst vom tollen Frühstück, von dem mir Gaby so vorgeschwärmt hatte, überzeugen. Es war ein wunderschöner Tag, der Vesuv lag vor uns und wir machten uns auf den Weg nach Sorrent. 


Sorrent liegt gegenüber von Neapel am Golf von Neapel und die Insel Capri liegt direkt vor der Landzunge. Aber Capri war an diesem Tag nicht unser Ziel. Vielmehr wollten wir an der Amalfiküste entlang bis nach Salerno, um schon mal eine unserer nächsten Etappen zu erkunden. Wir befuhren einer der, für uns, schönsten Küstenabschnitte Italiens. 


In Maiori überquerten wir das Küstengebirge und erlangten noch einmal einen grandiosen Blick auf den Vesuv. Wir waren auf dem Weg nach Casertra. Hier hatte der Bourbonenkönig Karl III 1752 bis 1774 ein Schloss, nach Versailler Stil erbauen lassen, das von seinem Sohn Ferdinand IV vollendet wurde. Der Königspalast Reggia di Casertra hat 1200 Räume und einen Schlosspark von 100ha. 


Der Park ist 3km lang und einfach gigantisch. Karl der III war zu Baubeginn König von Neapel und Sizilien wurde dann aber nach Spanien zurückberufen und überließ seinem Sohn Ferdinand die Vollendung. Zahlreichen Filmen, unter anderem Krieg der Sterne, diente das Schloss als Kulisse. Wir vertraten uns ein wenig die Beine auf dem weitläufigen Areal. 


Am Abend machten wir uns dann auf den Rückweg nach Fiumicino und gerieten, wie soll es auch anders sein, in den Rückreiseverkehr der Römer. Nichtsdestotrotz erreichten wir unser Ziel zum vereinbarten Zeitpunkt um das Auto wieder abzugeben und beschlossen den Abend in der uns schon vertrauten, nahegelegenen Pizzeria und freuten uns wieder auf unsere Katinka, vor allem auf deren Kojen. Nachdem wir ja wieder aus dem Wasser geholt wurden um die notwendigen Reparaturen durchzuführen, waren wir gespannt wie diese gelungen waren. Aber davon erzählen wir euch nächste Woche. Bis dahin wünschen wir euch, immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und haltet die Ohren steif.

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