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Die Deutsche Bahn, das letzte Abenteuer Europas

Asha und Rüdiger sind inzwischen nach Rügen abgedampft und überlassen uns ihr Heim für ein paar Tage. Ganz Deutschland leidet gerade unter einer Hitzewelle. Ganz Deutschland? Nein, eine kleine Insel ganz oben im Norden widersetzt sich dem Klimawandel und bleibt, wie wir Süddeutschen es den Norddeutschen immer wieder unterstellen, kühl. Auf den Mützen und Kappen, die man hier oben kaufen kann, steht „Schietwedder“ drauf. Also als „Schietwedder“ kann man das derzeitige Wetter nun wirklich nicht bezeichnen. Im Gegenteil, die Sonne scheint, es ist keine Wolke am Himmel zu sehen und der Wind ist für diese Region verhältnismäßig schwach. Also, beste Bedingungen für Sylt und vermutlich das beste Wetter, das man auf dieser Insel bekommen kann. Nur während der Rest der Nation bei fast 40°C schwitzen muss, kratzt das Thermometer auf Sylt gerade einmal an die 20°C. Sockenwetter also und zumindest mich zieht es in die Wärme. 

Strand bei List auf Sylt, Deutschland

Am Mittwoch geht es dann wieder gegen Süden. Ein denkbar ungünstiger Tag, was wir aber erst im Laufe des Tages mitbekommen. Um kurz vor fünf Uhr am Morgen ist die Welt noch in Ordnung. Wir besteigen den ersten Bus, der uns von List zum Bahnhof nach Westerland bringt. Der Regio-Express, um 06.19 Uhr, der von Westerland nach Hamburg Altona geht, fällt wegen einer defekten Weiche aus. Wie durch ein Wunder funktioniert sie eine Stunde später wieder. Übrigens: Der Autoverladezug, der ungefähr zur gleichen Zeit wie der Regio-Express gestartet ist und über die gleiche Weiche fährt, verlässt planmäßig Westerland. Na gut, wie auch immer. In Elmshorn müssen wir umsteigen, da wir zum Hamburger Hauptbahnhof müssen, um unseren Anschlusszug nach Bremen zu bekommen, der uns nach Buchholz bringen soll. Leider hält der Zug heute weder in Hamburg Dammtor noch am Hauptbahnhof, sondern fährt nach Hamburg-Altona. Wir hätten also in Elmshorn sitzen bleiben können. Mühsam kämpfen wir uns in den Menschenmassen, die in Hamburg-Altona gestrandet sind, mit der S-Bahn nach Hamburg Hauptbahnhof zurück. Bei 25 Minuten Umsteigezeit ist der geplante Zug natürlich weg und wir warten auf den nächsten. Inzwischen hat es in Hamburg schon einmal 10°C mehr als auf Sylt. 6,5 Stunden nach unserem Start in Sylt verlassen wir dann Hamburg und fahren nach Buchholz. 

Hamburg Hafen, Deutschland

In Buchholz schaffen wir es im Vorbeigehen am Kiosk, einen Kaffee to go in den Zug mitzunehmen (die einzige Chance an diesem Tag). Wir besteigen die Regionalbahn nach Hannover. Für die geplanten knapp zwei Stunden Fahrt brauchen wir 2,5 Stunden und haben in Hannover statt 37 Minuten Umsteigezeit nur noch 7 Minuten. Der Regio-Express bringt uns in zwei Stunden nach Göttingen. Hier erfahren wir, dass der Regio-Express nach Gera, der uns nach Neudietendorf bringen soll, ausfällt bzw. erst ab Gotha fährt. Grund hierfür: eine Qualitätsoffensive der Deutschen Bahn in diesem Streckenabschnitt. Mir schießen die Tränen in die Augen. Ich weiß nur nicht genau, wovon. 

Gänselieselbrunnen Göttingen, Deutschland

Wir fahren wieder mit der Regionalbahn von Göttingen nach Eichenberg und steigen dort in den Regionalexpress um. Diese ganze Aktion kostet uns wieder zwei Stunden, sodass wir den Regio-Express nach Würzburg verpassen. Stattdessen geht es mit der Regionalbahn weiter nach Grimmenthal und von dort nach Schweinfurt. Umsteigezeiten wenige Minuten. Nach Schweinfurt erreichen wir dann um 21.29 Uhr Würzburg auf Gleis 10. Abfahrt nach Stuttgart 21.37 Uhr auf Gleis 2. In Stuttgart kommen wir dann um 23.57 Uhr am Hauptbahnhof an. Hetzen über die Baustelle zur Stadtbahn, die um 00.06 Uhr abfährt. Um 00.18 haben wir es dann geschafft. Das Abenteuer Deutsche Bahn ist zu Ende. Nach 19,5 Stunden haben wir die Republik von der nördlichsten Spitze bis weit in den Süden durchquert. Ein Abenteuer, das nur dem fortgeschrittenen Reisenden, mit mehrjähriger internationaler Erfahrung beim Reisen mit dem öffentlichen Verkehr, zugemutet werden kann. Solltest Du diese Erfahrung nicht besitzen, kauf Dir ein ICE-Ticket. Das bedeutet nicht, dass Du mit der Deutschen Bahn auch an Deinem vorgesehenen Reiseziel ankommst, hat aber den Vorteil, dass zwar die Hürde des Papierkrams überwunden werden muss, aber danach die Chance besteht, zumindest Teile Deiner Kosten zurückerstattet zu bekommen. Für alle anderen nehmt das Flugzeug oder das eigene Auto. Selbst bei Staugefahr in und um Hamburg herum seid ihr schneller als mit der Bahn. Außerdem kann man dann auch einmal anhalten und etwas zum Essen kaufen. Zumindest im Regionalverkehr hetzt Du bei der Bahn von einem Bahnsteig zum anderen, da die Züge in seltenen Fällen pünktlich sind. Ach übrigens, die Bahn schafft es in ihrer Qualitätsoffensive tatsächlich, in einem von sechs Wagen die Klimaanlage zu betreiben. Die anderen fünf haben dann Zwangsbelüftung über die Oberlichtfenster am Anfang und am Ende des Wagens. Kuschelig warm, vor allem, wenn der Zug wieder einmal auf dem Gleis steht und einen entgegenkommenden Zug abwarten muss. Auch die Bahn will schließlich, bis was weiß ich wann, klimaneutral werden. Hinterher erfahren wir, dass das Funknetz der Bahn deutschlandweit ausgefallen war und über einen längeren Zeitraum keine Züge fuhren. Das erklärt zumindest den großen Menschenandrang auf den Bahnhöfen. Es zeigt aber auch die marode Infrastruktur der Deutschen Bahn, die auch auf den vielen stillgelegten Bahnhöfen sichtbar wird, an denen man auf einer solchen Reise vorbeikommt. Wir freuen uns schon auf unser nächstes Abenteuer mit der Deutschen Bahn. Bis dahin immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und haltet die Ohren steif.

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