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Stuttgart und der Synthetismus

Eugène Henri Paul Gauguin, geboren am 7. Juni 1848 in Paris, gestorben am 8. Mai 1903 in Atuona, auf Hiva Oa, den Marquesas-Inseln. Er war ein französischer Maler, Bildhauer, Grafiker und Schriftsteller – einer der wichtigsten Vertreter des Postimpressionismus und Wegbereiter des Symbolismus und der modernen Malerei. Wir standen vor drei Jahren an seinem Grab in Atuona. Heute treffen wir wieder auf seine Werke in der Staatsgalerie in Stuttgart. Seine Mutter stammte aus Peru, wo er bis zum 7. Lebensjahr lebte – diese prägten ihn die Liebe zur exotischen, nicht-europäischen Welt. Mit 17 Jahren trat er zur Handelsmarine und später zur Marine ein; er segelte um die Welt, lernte verschiedene Kulturen kennen und sammelte Eindrücke, die später seine Kunst bestimmten. Nach dem Tod seiner Mutter und dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs kehrte er 1871 nach Paris zurück. Er wurde Börsenmakler, verdiente gut, heiratete 1873 die Dänin Mette Sophie Gad, bekam fünf Kinder – er führte ein bürgerliches, wohlhabendes Leben. Ab 1874 begann er zu malen, besuchte Ausstellungen, lernte Impressionisten wie Pissarro kennen und nahm selbst an Ausstellungen teil. Malerei war zunächst nur Hobby. 1882 brach die Börse zusammen; er verlor seinen Beruf und entschied, sich ganz der Kunst zu widmen – seine Familie zog nach Kopenhagen, er blieb in Paris, lebte bald in Armut. Er lebte in der Bretagne (Pont-Aven, Le Pouldu), wo er seinen Stil fand: flache Farbflächen, kräftige Konturen, vereinfachte Formen, symbolische Inhalte – weg von der naturgetreuen Abbildung, hin zur Ausdruckskraft von Farbe und Form.

Paul Gauguin, Stuttgarter Staatsgalerie

Oktober 1888 bis Januar 1889: Zusammenleben mit Vincent van Gogh in Arles – die Zusammenarbeit endete im Streit und dem bekannten Vorfall, bei dem Van Gogh sich ein Ohr abschnitt. Er lehnte den Impressionismus ab, nannte seine Kunst „Synthetismus“ – Verbindung von Wahrnehmung, Empfindung und künstlerischer Form. Er floh aus Europa: „zivilisierte“ Welt war ihm zu eng, zu verlogen, zu materiell. Er suchte Einfachheit, Ursprünglichkeit, natürliche Schönheit. 1891 kam er nach Tahiti – doch die Insel war bereits von Europäern geprägt. Er lebte abseits, malte seine Bilder, leuchtende Farben, mythische, ruhige Szenen, fremde Kultur. 1893 kehrte er nach Paris zurück, stellte aus, schrieb sein Buch „Noa Noa“ – aber der Erfolg blieb aus, die Kritik verstand ihn nicht, er war arm und krank. 1895 ging er endgültig zurück in die Südsee, zuerst nach Tahiti, dann 1901 auf die abgelegenere Insel Hiva Oa auf den Marquesas-Inseln. Seine Gesundheit verschlechterte sich: Syphilis, Herzleiden, Alkohol, Schmerzen – er malte trotzdem weiter, schrieb Erinnerungen (Vorher und Nachher), kritisierte Kolonialismus und Kirche. Er starb am 8. Mai 1903 mit 54 Jahren, arm und fast vergessen – begraben auf Hiva Oa. Heute gilt er als einer der größten Maler des 19. Jahrhunderts. Er befreite die Farbe von der Naturbindung, öffnete den Weg für Fauvismus und Expressionismus und zeigte, dass Kunst auch Ausdruck von Sehnsucht, Traum und fremder Welt sein kann.
1888 malte Gauguin das Bild „Bretonische Frauen bei der Ernte“ Dieses Bild gehört zu seinen wichtigsten Werken aus der Bretagne und zeigt seinen neuen Stil: Synthetismus. Er malt nicht, was er genau sieht, sondern was er empfindet: die einfache, ehrliche, mit der Natur verbundene Lebensweise der Bauern. Für ihn war diese Arbeit keine Last, sondern etwas Ehrwürdiges, fast Heiliges – ein Leben, das er als „ursprünglicher“ und wahrer empfand als das Leben in der Stadt. Er löst sich vom Impressionismus (der nur Licht und Augenblick malte) und setzt Farbe und Form als Ausdruck von Gefühl und Bedeutung ein. Es ist eine Vorstufe zu seinen späteren Werken aus Tahiti – schon hier sucht er nach Einfachheit, Wahrheit und tieferer Bedeutung hinter dem Alltäglichen.
Das Bild seiner Mutter, Aline Marie Chazal, entstand zwischen 1890 und 1893. Es ist ein stilles, sehr persönliches Porträt seiner Mutter, die bereits 1867 gestorben war – er malte sie also nach Erinnerung und alten Fotografien. Sie sitzt aufrecht, ruhig und würdevoll, dunkle Kleidung, helles Gesicht, dunkle Haare, klare, ernste Augen. Die Formen sind stark vereinfacht, klare Umrandungen, keine überflüssigen Details – typisch für seinen Synthetismus. Die Farben sind zurückhaltend: dunkle Braun-, Grün- und Grautöne, nur das Gesicht und der helle Kragen heben sich ab. Keine lebhafte, sondern eine nachdenkliche, fast feierliche Stimmung – wie ein Andenken.
Als er 1893 nach Paris zurückkehrte, stellte er es aus – aber niemand wollte es kaufen. Die meisten Kritiker nannten seine Werke „seltsam“, „unfertig“ oder „hässlich“. Erst nach seinem Tod (1903) begannen Sammler und Museen langsam zu verstehen, was für ein Genie er war. Die königliche Frau. Das Bild wechselte mehrmals den Besitzer, bis es 1906 von dem berühmten deutschen Kunsthändler Paul Cassirer in Berlin gekauft wurde – er war einer der ersten, der Gauguin in Deutschland bekannt machte. Die Staatsgalerie Stuttgart wollte ihre Sammlung um Werke der modernen Kunst erweitern – damals war das mutig, denn viele Leute hielten diese Bilder noch für „keine echte Kunst“. Der damalige Direktor, Hans Hildebrandt, setzte alles daran, dieses Bild zu bekommen. Er verhandelte lange mit dem Händler Cassirer. Der Preis war hoch: 125.000 Mark – eine riesige Summe für die damalige Zeit (vergleichbar mit dem Wert eines großen Hauses). Viele Politiker und Bürger in Stuttgart schüttelten den Kopf: „So viel Geld für ein Bild, auf dem eine unbekannte Frau in einem roten Rock ist?“ Es gab heftige Diskussionen in der Presse und im Parlament. Doch Hildebrandt blieb hart: Er wusste, dass dies eines der wichtigsten Bilder des 19. Jahrhunderts war. 1909 wurde es schließlich gekauft und kam nach Stuttgart – zusammen mit dem Porträt „Seine Mutter“ Diese beiden Werke sind bis heute die größten Schätze der Sammlung. Heute ist es eines der am meisten bewunderten Werke dort – und niemand fragt mehr, ob der Kauf gerechtfertigt war. Im Gegenteil: Man sagt heute, dass es einer der klügsten Ankäufe war, die jemals für die Stuttgarter Sammlung getätigt wurden. Es ist zusammen mit dem Bild „Seine Mutter“ das Herzstück der Abteilung des Postimpressionismus. Auf jeden Fall lohnt es sich, die Staatsgalerie in Stuttgart einmal zu besuchen. Euch immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und haltet die Ohren steif.

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