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Rundreise Neuseeland Teil 6

Die Sonne steht schon tief im Westen, als wir von Loburn aufbrechen und weiter Richtung Süden fahren. Doch im südlichen Sommer auf Neuseeland wird es erst spät am Abend dunkel. Wir haben also genügend Zeit, die Landschaft zu genießen. Um den Feierabendverkehr rund um Christchurch zu vermeiden, entschließen wir uns, eine westliche Route zu nehmen und nicht den Highway 1, der unmittelbar an Christchurch vorbeiführt. 

Wenn die Sonne im Otago District versinkt, Neuseeland

Wir fahren in der Ebene der Canterbury Plains Richtung Westen nach Glentui, das am östlichen Rand der Gebirgskette der Südinsel Neuseelands liegt. Der Mount Thomas mit seinen rund 1000 Höhenmetern liegt vor uns. Wir überqueren den Ashley River, der sich aus dem Gebirgsmassiv herausschlängelt, und fahren Richtung Oxford. Die Mitte des 18. Jahrhunderts gegründete Ortschaft hat heute gerade einmal 2000 Einwohner. Die meisten Menschen leben hier von der Land- und Forstwirtschaft. Südwestlich von Oxford geht es über den Waimakariri River nach Sheffield und weiter nach Glentunnel. Vor uns tauchen der Mount Hutt und das mächtige Flussbett des Rakaia Rivers auf. Das Gebiet um den Mount Hutt ist im Winter ein sehr beliebtes Skigebiet. Wir erreichen Geraldine. Der 1840 gegründete Ort zählt heute 2300 Einwohner. 1908 wurden sämtliche Hotels geschlossen und es gab bis 1950 keinen Alkoholausschank. Der Ort gilt als Stätte des Kunsthandwerks. Die Werke der Künstler werden in vielen Ateliers zum Verkauf angeboten. Von Geraldine erreichen wir über Winchester den Highway 1 und fahren Richtung Süden bis nach Timaru. Timaru zählt mit seinen rund 26000 Einwohnern zu einer der größeren Städte auf der Südinsel Neuseelands. Die Besiedlung begann mit den Gebrüdern Weller 1838/1839, die eine Walfangstation am Patiti Point, nahe des heutigen Stadtzentrums, einrichteten. Mit dem Wellermansong wurde die Pionierarbeit der Brüder Weller während der Besiedlung Neuseelands verewigt. Hört mal rein (https://youtu.be/bNQSMTNSnUw?si=m0T15Bjc1xQ5pp5T). Bis 1859 lebten nur wenige Europäer in Timaru. In diesem Jahr brachte die Strathallan 120 Siedler aus England, was zunächst zu Streitereien zwischen den Brüdern und der Stadtverwaltung führte. Eine Teilung der Stadt war das Ergebnis, welche dann aber 1868 wieder aufgehoben wurde. Wegen Verlusts von mehreren Schiffen wurde 1877 ein künstlicher Hafen geplant, der entschieden zum Wachstum der Stadt beitrug. Wir fahren weiter die Küste entlang Richtung Süden und erreichen schließlich Oamaru, wo wir von einem netten älteren Ehepaar aufgenommen werden und eine Woche in ihrem Haus verbringen. 

Oamaru, Neuseeland

Oamaru wird ohne das erste „a“ ausgesprochen. Das „O“ wird eher langgezogen, wie „Ohh“ gesprochen. Oamaru bedeutet auf Maori „Ort des Maru“. Maru gilt bei den Maoris der Südinsel als Kriegsgott. Er gilt aber auch als Gott des Süßwassers. Er ist der Sohn von Rangihore, Gott der Felsen und Steine, und Enkel des berühmten Halbgottes Maui. Oamaru wurde 1853 gegründet und zählt heute rund 14.000 Einwohner. Der industrielle Niedergang Neuseelands setzte dem Hafenbetrieb in Oamaru sehr stark zu. 1974, nach dem Verlassen des Handelsschiffs Holmdale, wurde der kommerzielle Betrieb der Hafenanlagen eingestellt. Heute wird der Hafen nur noch von kleinen Fischer- und Freizeitbooten genutzt. 

Hafenanlage von Oamaru, Neuseeland

Das Stadtbild Oamarus ist von dem in der Nähe abgebauten weißen Kalkstein geprägt. In der Zeit der langen Depression (1880er-Depression) war Oamaru eine der schönsten und finanzstärksten Städte Neuseelands. Von der Größe war die Stadt vergleichbar mit Los Angeles. Der viktorianische Baustil der historischen Innenstadt und des Hafenviertels gilt als eine der besterhaltenen Gesamtanlagen Neuseelands und steht unter Denkmalschutz. 

Hafenviertel von Oamaru, Neuseeland

Heute lebt Oamaru hauptsächlich vom Tourismus. Vor allem die Steampunk-Szene hat sich etabliert. Steampunk ist eine Kunstform, die alten Trödel wieder modern macht. Alte Klamotten werden skurril aufgepeppt und aus altem Schrott wird Kunst gemacht. Zum Teil kommen dabei recht schräge Gebilde zustande, die einen immer wieder schmunzeln lassen. Im Hafenviertel gibt es zahlreiche Läden, in denen man Kunst und Accessoires kaufen kann. Wir schlendern durch die Straßen und fühlen uns in die viktorianische Zeit zurückversetzt. 

Kunstrichtung Steampunk, Oamaru, Neuseeland

In einer Brauerei, die belgisches Bier anbietet, trinken wir ein sündhaft teures und essen belgische Fritten mit Diätmayonnaise. Ich glaube, der einzige Belgier an diesem Tag war der Fast-Belgier, der nahe der belgischen Grenze in Deutschland geboren wurde. Die Fritten, wenn man sie dann schon einmal in Belgien gegessen hat, sind in der neuseeländischen Variante eben neuseeländisch und haben mit Belgien nur in der Form etwas zu tun. Die Diätmayonnaise war allerdings eine Frechheit, ist aber wohl dem neuseeländischen Gesundheitswahn geschuldet. Wie auch immer, es zeigt uns einmal wieder, dass man beim einheimischen Essen bleiben sollte. Zumal das in Neuseeland nicht das Schlechteste ist.

Belgische Brauerei in Oamaru, Neuseeland

Eine andere Sache ist der neuseeländische Sommer. Wenn die Sonne fehlt, wird es hier, selbst im Hochsommer, zum Teil, zapfig kalt. Kommt dann noch Regen hinzu, wird es unangenehm. Auf jeden Fall braucht man warme Kleidung. Ich bin froh, dass ich meine selbstgestrickten Wollsocken dabei habe. Außerdem möchte ich auf meine Softshelljacke nur ungern verzichten. Es ist kühl und wolkenverhangen, als wir den schmalen Weg oberhalb der Bushey Beach entlanglaufen. Ein steifer Ostwind treibt uns die Kälte in die Knochen. Auf dem schmalen Sandstreifen unter uns räkeln sich die Seelöwen. Heute können sie das gefahrlos. Das war nicht immer so. 1810 erschlugen Walfänger die Tiere mit Knüppeln, häuteten sie und ließen die Kadaver vor Ort zurück. 1875 wurde die Jagd auf den Winter begrenzt und seit 1978 gibt es einen vollständigen Schutz unter dem „Marine Mammals Protection Act“. Die Tiere sind in ihrer Population so stark reduziert worden, dass sie heute noch als gefährdet gelten. 

Seelöwen am Bushy Beach, Neuseeland

Hinweisschilder weisen darauf hin, dass der Strand ab 3 Uhr nachmittags nicht mehr betreten werden soll. Nicht wegen der Seelöwen, sondern wegen der Pinguine, die extrem scheu und sehr ängstlich gegenüber Menschen reagieren. Offensichtlich können nicht alle Englisch, denn ab und zu verirrt sich ein Tourist auch nach 3 Uhr an den Strand. Möglicherweise liegt es daran, dass die Beschilderung nur in Englisch zur Verfügung steht. Wie auch immer, wir harren noch eine Stunde im Unterstand oberhalb des Strandes aus, aber die Pinguine lassen sich heute nicht mehr sehen. Etwas steif verlassen wir als letzte Besucher den Beobachtungspunkt, der sich in einer Felsnische befindet, und tauen Zuhause langsam bei einem Glas Rotwein wieder auf. Immerhin konnten wir die Seelöwen beobachten und freuen uns auf die nächste Exkursion zu den Pinguinen und hoffen dann mal, welche zu Gesicht zu bekommen. Bis dahin wünschen wir Euch immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und haltet die Ohren steif.

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