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Sag mir, wo die Windräder sind. Wo sind sie geblieben?

Die Regennacht auf dem Parkplatz an der Bootsrampe in St. Georges Basin ist in weiten Teilen an der Südostküste Australiens zu einem Unwetter ausgeartet. Während wir seelenruhig in unserem Campervan schlafen, wird Sydney durch einen Wolkenbruch unter Wasser gesetzt. Zahlreiche Straßen sind überflutet, der Verkehr kommt in der Millionenstadt zum Erliegen. Über die Stadt Ulladulla, die wir noch am Nachmittag besucht haben, fegt ein Tornado hinweg und richtet erheblichen Schaden an. Von all dem bekommen wir nichts mit und auch wenn wir ziemlich nahe an der Bootsrampe übernachten, schwimmen wir nicht weg, sondern stehen fest auf unserem Parkplatz. Von dem Unwetter erfahren wir erst am nächsten Tag aus den sozialen Medien. Der Tag nach dem Tornado ist wunderschön und wir sind voller Tatendrang. 

Dorfstraße von Tilba, Australien

In Tilba ist die Zeit stehengeblieben. Die alten Holzhäuser aus dem vorherigen Jahrhundert sind nett hergerichtet und man kann dort alles Mögliche kaufen. Im Ort gibt es eine Käserei, ein Hotel und jede Menge Souvenirläden. Ich kaufe mir einen Lederhut. Genau so einen, wie ihn Crocodile Dundee getragen hat. Vielleicht klappt es ja dann mal mit der Sichtung eines Kängurus. Wir haben nämlich bis heute noch keines zu Gesicht bekommen. 

Windige Ostküste Australiens. Horse Head und Camel Rock

Obwohl es an der Küste sehr windig ist, fehlen die doch überall in Deutschland so schönen Windräder hier in Australien gänzlich. Offenbar haben die Australier es nicht so mit dem grünen Strom. Wie auch immer, am nächsten Tag sichten wir doch auf unserer Wanderung zum Horse Head und Camel Rock ein Wallaby. Zugegeben, die Wallabys sind jetzt nicht gerade groß. Mit 50 cm – 100 cm sind sie deutlich kleiner als das Rote Riesenkänguru. Aber immerhin scheint der Hut dann doch etwas bewirkt zu haben. Auf dem Weg Richtung Eden sehen wir dann auch ein paar größere Exemplare. Leider gibt es auch sehr viele, die tot im Straßengraben liegen. Offensichtlich gibt es sehr viele Unfälle früh morgens oder in der Abenddämmerung. Deshalb hat die Camperfirma vermutlich auch die Klausel im Vertrag stehen, dass man mit dem Campervan in der Nacht nicht fahren darf.

Unser erstes Känguru, ein Wallaby

Eden entstand aus einer alten Walfangstation in der Snug Cove um 1834. Eden wuchs in den 1850er Jahren, zum einen durch den Niedergang des nahegelegenen Boydtown und zum anderen durch den Goldfund von Kiandra. Der Goldrausch hielt nicht lange an und somit entwickelte sich auch Eden nicht mehr weiter. Immerhin existiert Eden heute noch, was man von Boydtown nicht behaupten kann. Das Einzige, was man von Boydtown noch sieht, ist die zerfallene Kirche und ein Grabstein in deren Nähe. Der Zugang ist nur schwer zu finden, da die Kirche nicht ausgeschildert und auf dem Hügel im Wald verborgen ist. Findet man sie, ist der Zutritt durch einen Zaun nicht möglich. Vermutlich besteht Einsturzgefahr.

Die Kirche von Boydtown, Australien

Wir verabschieden uns erst einmal von der Küste und fahren Richtung Towamba ins Landesinnere. Entlang des gleichnamigen Flusses geht es durch das der Küste vorgelagerte Gebirge. Die Straße ist sehr kurvenreich und es geht hoch und wieder runter. Der Campervan kommt an seine Grenzen. Mir graut schon vor dem Tag, an dem der erste Roadtrain in meinem Rückspiegel auftaucht. Hoffentlich ist dann genügend Platz am Straßenrand. Hier ist das leider nicht der Fall. Gaby sieht nicht nur einmal den tiefen Straßengraben gefährlich auf sich zukommen. Nach ungefähr einer Stunde verschwindet der dichte Wald mit Eukalyptus und hohem Farn und weicht einer riesigen Weidefläche auf einer Hochebene. Und wieder frage ich Gaby: Sag mir, wo die Windräder sind, wo sind sie geblieben?

Farmland in der Nähe von Candelo, Australien

Das Farmland ist ebenso hügelig und reicht über die Myrtle Mountains. Wir erreichen Candelo, einen Farmerort, in dem ebenfalls die Zeit stehengeblieben ist. Hier treffen sich die Farmer einmal im Monat zum Markttag. Es gibt eine Tankstelle und ein Café, in dem wir einen Cappuccino trinken. 

Hauptstraße von Candelo, Australien

Allerdings tanken wir erst in Nimmitable, weil der Sprit dort 15 Cent günstiger ist. Runde 20 Kilometer hinter Candelo erreichen wir den Snowy Mountain Highway, auf dem wir nach Cooma fahren. Hier haben wir unsere Übernachtung geplant. Doch zuvor müssen wir über den Glenbog. Auf der Passhöhe befindet sich das Fred-Piper-Memorial. Fred war 28 Jahre Postbusfahrer auf der Strecke Cooma – Bega und verstarb 1948 beim Schneeschaufeln auf dem Snowy Mountain Highway. Tragisch, aber irgendwie rührend, dass man einem einfachen Busfahrer ein Denkmal setzt. So sind sie halt, die Aussies. Ein Land, das seine Mitmenschen schätzt und in dem man sich immer wieder die Frage stellt: Sag mir, wo die Windräder sind, wo sind sie geblieben? Ich freue mich auf die nächste Woche. Bis dahin immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und haltet die Ohren steif.

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