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Wunder geschehen immer wieder


Der Morgen ist kühl. Graue Wolken ziehen über Stuttgart. Wir stehen an der Bushaltestelle und genießen die Kühle nach ein paar Tagen der Hitze im Kessel von Stuttgart. Wir sind mal wieder auf dem Sprung. Diesmal geht es nach Österreich, das wir als unser neues Zuhause auserkoren haben. Über Aalen, München, Salzburg geht es in die neue Heimat. Mit ein bisschen Wehmut blicken wir zurück. Zu viel hat sich verändert, zu viel nicht gerade zum Vorteil. Die Durchhalteparolen unserer jetzigen Regierung haben uns letztendlich dazu bewogen, diesen Schritt zu gehen. Natürlich ist es in Österreich auch nicht viel besser, aber zumindest ein bisschen. Als ob uns die deutsche Bahn auf unserem Weg in die neue Heimat noch einmal sagen will: „Seht her! Es ist nicht alles so schlimm, wie immer gesagt wird“, fahren die Züge pünktlich. Vorbei an den goldbraunen Ähren, den Kornfeldern Schwabens, fahren wir nach Oberbayern. Das Alpenvorland und der Chiemsee begrüßen uns mit Sonnenschein. Die Alpenspitzen des Berchtesgadener Landes kommen immer näher. Pünktlich erreichen wir Salzburg. Das haben wir so noch nie erlebt. Wunder geschehen immer wieder. 

Hauptbahnhof Salzburg, Österreich

Doch es zieht uns weiter. Durch das Salzburger Land erreichen wir Oberösterreich. In Linz geht es dann durch das Ennstal, Richtung Süden über Steyr in die Obersteiermark. Die Obersteiermark ist der nördliche, gebirgige und waldreiche Teil des österreichischen Bundeslandes Steiermark, begrenzt im Süden durch die Gleinalpe und Stubalpe. Sie umfasst die Bezirke Liezen, Murau, Murtal, Leoben und Bruck-Mürzzuschlag. Die Landschaft ist geprägt von Niederen Tauern, Dachsteinmassiv, Hochschwab, den Tälern von Mur, Mürz und Enns, dem Ausseerland sowie dem Nationalpark Gesäuse. Im Osten gibt es den traditionellen Bergbau und die Industrieregion (Erzberg, Leoben); im Westen und Norden dominieren Landwirtschaft, Almwirtschaft und Tourismus (Ski amadé, Wandern, Klettern). Seit Corona leidet die Region unter Abwanderung. Wirtschaftlich entwickelt sich die Gegend nur schwach. Lediglich der Tourismus, als sanft bezeichnet, kann seine Zahlen so halbwegs halten. Aber das hat, als Naturliebhaber, auch seine Vorteile. Die Wälder, Seen und Auen sind intakt, die Gastfreundschaft wird hier noch hochgehalten und die Menschen freuen sich über jeden, der kommt und die Kultur respektiert und akzeptiert.

Besuch der Oberst-Klinke-Hütte mit Blick auf den Kalbling

Auch in Österreich haben wir eine Menge Freunde, die wir besuchen wollen. Zunächst wollen wir nach Oberösterreich zu Babsi und Helmut. Die beiden haben wir in Papeete kennengelernt. Letztendlich sind sie uns durch die World ARC weit vorausgefahren und haben inzwischen ihre zweite Weltumseglung beendet. Wir haben vollsten Respekt vor dieser Leistung und sind begierig, den Reiseverlauf seit unserem letzten Treffen aus erster Hand zu erfahren. 

Bei Babsi und Helmut

Mit unserem Oldtimer, einem Opel Kadett, machen wir uns auf den Weg. Wir spüren die Straße wieder und die kurvenreiche Strecke ohne Servolenkung verlangt dem Fahrer alles ab. Das Lenkrad, ein mit Gummi ummantelndes Armierungseisen ohne Airbag, erzeugt kurzzeitig leichte Verunsicherung und irritiert in der Handhabung. Doch bald habe ich mich daran gewöhnt und die nostalgischen Eindrücke, die bei einer Fahrt mit einem Oldtimer aufkommen, überwiegen. 

Opel Kadett, Hengstpass Österreich

Ein herzliches Willkommen empfängt uns und wie das unter Seglern so üblich ist, werden die Nächte lang. Die Rückfahrt treten wir über Kremsmünster und den Hengstpass an. Das Benediktinerstift Kremsmünster zählt zu den ältesten, ununterbrochen bestehenden und kulturell bedeutendsten Klöstern Österreichs, gelegen im Traungau an der Krems in Oberösterreich. Gegründet wurde es am 9. November 777 durch Herzog Tassilo III. von Bayern. Die Legende berichtet: Er gelobte, das Kloster an der Stelle, wo sein Sohn Gunther bei der Jagd von einem Eber getötet wurde, zu erbauen. Zunächst diente es der Missionierung der Slawen, der Urbarmachung und Verwaltung des weiten Stiftungsbesitzes im Grenzgebiet zwischen Bayern und dem Osten. Erster Abt war Fater, Kaplan des Herzogs. Unter Karl dem Großen wuchs der Besitz. Im 10. Jh. wurde das Kloster durch Ungarneinfälle zerstört, was letztendlich den Besitzverlust und Niedergang zur Folge hatte. Der Wiederaufbau erfolgte unter Kaiser Heinrich II. und Abt St. Gotthard (1012–1046). Die Rückgewinnung von Besitz und Rechten wurde durchgesetzt. In der Kluniazensischen Reform (11. Jh.) und später der Melker Reform (ab 1418) wurde das klösterliche Leben erneuert und die Stärkung von Disziplin und Wissenschaft reformiert. Die Klosterschule erlangte hohes Ansehen und die Bibliothek wurde zu einem Zentrum für Chronistik und Geisteswissenschaften. Abt Gregorius Lechner öffnete 1549 die Schule für alle – Geburt des öffentlichen Stiftgymnasiums, das bis heute besteht. 1613–1639 leitete Abt Anton Wolfradt die große Barockerneuerung. Gleichzeitig war er Bischof von Wien und kaiserlicher Minister. Zwischen 1677 und 1740 gestalteten die Baumeister Carlo Antonio Carlone und Jakob Prandtauer die Kirche und die Anlage um. Neun Jahre später, zwischen 1749 und 1758, wurde der Bau des berühmten Mathematischen Turms mit Sternwarte, Sammlungen für Naturkunde, Kunst und einer Kapelle durchgeführt (das erste Hochhaus Europas). Ein einzigartiges, frühwissenschaftliches Museum. 

Stift Kremsmünster, Oberösterreich

In der josephinischen Zeit, in den 1780er Jahren, drohte die Auflösung. Durch Eingaben bei Kaiser Joseph II. blieb das Stift erhalten. Im 19. Jh. entwickelte sich das Kloster zur weiteren Blüte von Schule und Wissenschaft. Abt Cölestin Ganglbauer wurde 1881 Erzbischof von Wien und später Kardinal. Während und zwischen den Weltkriegen blieb das Kloster geistliches und kulturelles Zentrum. Heute ist Kremsmünster eine lebendige Benediktinergemeinschaft mit Gymnasium, Internat, Sternwarte, Bibliothek, Kunstsammlungen und Pfarramt. Der Tassilokelch (8. Jh.) zählt zu seinen wertvollsten Schätzen. Zusammengefasst sind das 1.200 Jahre ununterbrochene Geschichte als Brücke zwischen Glaube, Bildung, Wissenschaft und Kunst – eines der Wahrzeichen Oberösterreichs und auf jeden Fall einen Besuch wert. In Oberlaussa kehren wir beim Sagwirt ein. Am Nachmittag geht es dann weiter in die Südoststeiermark. Hier freuen wir uns auf die nächsten Tage und Wochen, Freunde, Bekannte und Verwandte zu besuchen und die steirische Toskana zu genießen. Bis dahin immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und haltet die Ohren steif.


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