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Wenn Du tot bist und hast es gar nicht gemerkt

Seit Wochen plagt mich der Gedanke, dass ich gar nicht mehr lebe. Eines Nachts, den genauen Tag weiß ich nicht mehr, bin ich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Seitdem passieren verrückte Dinge. Treibstoffpreise explodieren, weil der amerikanische Präsident der Meinung ist, der Iran hat eine Atombombe. Er beschießt den Iran und sagt: „In drei Tagen ist alles erledigt.“ Nach drei Tagen sagt er: „In drei Wochen ist alles erledigt.“ Nach drei Wochen heißt es dann: Wir reden miteinander, aber dann irgendwie doch nicht. Vielleicht ist er aber auch auf einen Enkeltrick hereingefallen. In dem Alter kann so etwas leicht passieren. Wie auch immer, die letzte Aussage des Präsidenten ist die, dass, wenn der Iran nicht einsichtig ist, ziehen wir einfach wieder ab und drücken das Problem den Europäern aufs Auge. So etwas kann im realen Leben nicht vorkommen, also muss ich tot sein.

Wenn Du tot bist und hast es gar nicht gemerkt

Ein weiteres Indiz ist die europäische Haltung. Plötzlich ist die Kernenergie wieder sexy, dumm nur, dass man die in Deutschland in die Luft gejagt hat. Nebenbei schafft das deutsche Außenministerium die Pressefreiheit ab und droht allen Journalisten, „unseren“ Informationsraum nicht zu untergraben. Das muss in einem kurzen Moment, als ich mich in einer Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuums befand, passiert sein, denn ehrlich gesagt weiß ich weder, was mit „unseren“ noch mit Informationsraum gemeint ist. Das kann, selbst auf einem Katamaran, durch das Schwoien des Schiffes durchaus einmal vorkommen. Das Wetter ist hier durchwachsen und es regnet immer wieder einmal sehr heftig. Der Herbst in Neuseeland ist einmarschiert und am Morgen gibt es auch schon einmal Nebel mit Temperaturen so um die 12°C.

Wenn Du statt mit der Prostata mit dem Raum-Zeit-Kontinuum Probleme hast

Das Paket habe ich inzwischen bekommen und wir nutzen einen windstillen Tag, um die Mastrutscher am Mast wieder einzufädeln. Bei solchen Arbeiten ist immer höchste Konzentration geboten, da sich bei einem Fehlgriff die Kugeln (40 Stück pro Mastrutscher) aus ihrem Käfig entfernen und munter über das Deck hüpfen und sich dann ins Wasser verabschieden, nicht ohne, vor ihrem letzten Sprung, noch einmal zu grüßen. Dies gilt es also zu vermeiden, und deshalb ist es gut, wenn man das Einfädeln zu zweit macht. Der windstille Tag hilft uns dabei, jeden eingefädelten Mastrutscher gleich mit dem Segel zu verbinden. Somit ist dieser, nachdem wir das Segel immer wieder ein Stück nach oben ziehen, auch gleich gesichert und kann nicht durch die nach unten geöffnete Mastschiene herausfallen. Nach insgesamt drei Stunden sind wir wieder segelklar. 

Alter Mastrutscher auf der Katinka Enjoy

Ob ich in dem Zustand noch segeln kann, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Vielleicht kennt ja irgendjemand den Zustand und kann mir da weiterhelfen. Ein weiteres Symptom erschien mir erst neulich. Da wurde ein Aktmodell virtuell von ihrem eigenen Ehemann vergewaltigt oder auch nicht. So genau weiß man es nicht, obwohl bestimmte Leute natürlich mehr Informationen haben als der Rest der Welt. Auf jeden Fall möchte unsere Innenministerin dies zum Anlass nehmen, eine Klarnamenpflicht für das Internet zum Schutz für uns alle einzuführen. So schnell, wie sich das Ganze aufgebauscht hat, so schnell war die Sache auch wieder verschwunden. Die Innenministerin stand mit ihren Forderungen virtuell völlig nackt allein auf weiter Flur, was schließlich dazu führte, dass alles wieder dementiert wurde. Im realen Leben kann so was nicht passieren, also muss ich tot sein. Auch hier muss ich mich für kurze Zeit in einem Raum-Zeit-Kontinuum befunden haben, denn was, bitteschön, ist eine virtuelle Vergewaltigung? Was mich an meinem Zustand irritiert, sind die klaren Momente. Obwohl man sich ja nie sicher sein kann, ob die auch tatsächlich real sind. Es könnte ja sein, dass Gaby mich zwickt und mir zuruft: „Steh endlich auf.“ Wobei sie mich nicht zwicken würde, sondern mir eher einen Tritt verpasst. Auf jeden Fall haben wir uns diese Woche bei unserem Segelmacher für die schönen Polster im Cockpit bedankt. Er hat sich gefreut und uns gleich auch noch den neuen Gennaker in die Hand gedrückt. „Bezahlt habt Ihr ja schon.“ „Öh, nö.“ „Nicht, wieso nicht?“ „Du hast nie eine Rechnung gestellt.“ „Ach so, mein Fehler.“ Ich liebe die Kiwis. Hier ist alles ziemlich unkompliziert. Das macht das Leben deutlich entspannter, so entspannt, dass man plötzlich auf den Gedanken kommt: „Ist das alles noch real?“ Inzwischen haben wir den Sonnenschutz durch die Winterpersenning ersetzt. Dann kann man auch noch im Cockpit sitzen, ohne bei einem Regenschauer gleich nass zu werden.

Von Parallelwelten

Nachdem sich der amerikanische Präsident in seiner Kriegsführung ein bisschen vertan hat, sind auch die Treibstoffpreise in Neuseeland kräftig gestiegen. Das Super+ kostet mittlerweile 3,30 NZ$, das sind ungefähr 1,65 €. Und da ist er wieder, der starke Zweifel: Bin ich tot und hab es gar nicht gemerkt? In Deutschland kostete Super+ zuletzt 2,13 €, bevor die Maßnahme der Bundesregierung greift, den Verbraucher zu schützen. Danach kostet Super+ 2,20 €. Was ein europäischer Kommissar zum Anlass nimmt, darüber nachzudenken, die Reisemöglichkeiten der Europäer per Gesetz einzuschränken. So etwas kann im realen Leben nicht vorkommen, also muss ich tot sein.

Wenn auf der Welt das Licht ausgeht

Und wenn ich nicht gestorben bin, dann hört ihr auch nächste Woche wieder von mir. Bis dahin wünsche ich Euch immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und haltet die Ohren steif.

Kommentare

  1. Herrlich geschrieben und leider alles unglaublich aber wahr!
    Liebe Grüße von Bord der Suria, Ricci und Dirk 👋😀⛵️

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